In den Medien
Mit wenig Geld mobil
08.09.2010, tagblatt.ch
Autostoppen Wer eine Mitfahrgelegenheit sucht oder freie Sitzplätze im eigenen Auto anzubieten hat, kann in Online-Mitfahrzentralen Kurz- und Langstreckenfahrten optimal planen und erst noch Kosten sparen.
Mittwochabend 21.30 Uhr, Autobahnraststätte Rheintal. Sandra schaut ein wenig nervös umher und sucht mit den Augen jedes ankommende Auto ab. Ein dunkelroter Subaru Legacy soll es sein, deutsches Kennzeichen, mit dunkelblondem, etwa vierzigjährigem Mann am Steuer. Sie kennt ihn nur durch einen flüchtigen telefonischen Kontakt, nachdem sie im Internet eine Fahrt nach Mailand gesucht hatte und bei eben diesem Fahrer fündig geworden war. Sympathisch war seine Stimme am Telefon, vielleicht ein wenig rauh.Da – der schnittige Mittelklassewagen steuert direkt auf sie zu, ein grosser hagerer Mann öffnet mit Schwung die Türe und stellt sich bei ihr vor. Nach der kurzen Begrüssung fahren die beiden los in Richtung Süden.
Initiative einiger Studenten
So oder ähnlich läuft das «erste Mal» bei virtuell entstandenen Fahrgemeinschaften ab.
Die Grundidee bei der Entstehung dieses Angebotes fand vor rund neun Jahren statt; und zwar aus Eigenbedarf von drei Würzburger Studenten, die mobil sein wollten, aber finanziell nicht auf Rosen gebettet waren: «Wir stellten diesen Service in erster Linie für uns selber auf die Beine und fanden im Internet die geeignete Plattform dazu», erinnert sich Michael Reinicke, Mitbegründer von mitfahrgelegenheit.ch.
Er hat die Mitfahrgelegenheiten schon etliche Male selber in Anspruch genommen und bisher immer nur gute Erfahrungen gemacht: «Es ist aber wichtig, dass die beiden Parteien, Fahrer und Mitfahrer, ein wenig Organisationstalent mitbringen und sich gerne mit fremden Leuten unterhalten», räumt er ein. Als Negativpunkte gäbe es höchstens Situationen, wo einer von beiden zu spät kommt, sich am falschen Treffpunkt befindet oder die Kontaktdaten nicht dabei hat, um den anderen kurzfristig über Verspätungen zu informieren: «Klar ist es dann ärgerlich, wenn der eine am Treffpunkt wartet und der andere noch in der verspäteten S-Bahn sitzt», sagt Reinicke. Doch normalerweise überwiegen die positiven Erlebnisse, schliesslich hat das Portal einen letztjährigen Zuwachs von vierzig Prozent verzeichnet und von April bis Juni 2010 insgesamt 5000 Fahrten vermittelt.
Getreu dem Motto «Klicken.Fahren.Sparen» ist der Service ökologisch, da er den Verkehr entlastet, und ökonomisch, da die Benzinkosten geteilt werden. Hinzu kommt, dass man neue Leute kennenlernt und nicht selten den einen oder anderen Insidertip geliefert bekommt, wenn man sich auf dem Weg in die Ferien befindet.
Zielpublikum wird älter
«Interessant an unserem Zuwachs ist die Tatsache, dass das Portal immer mehr von älteren Leuten genutzt wird», erzählt Reinicke, denn 45% der Nutzerinnen und Nutzer sind über dreissig.
Vor allem Reiseschwierigkeiten wie Bahnstreiks, steigende Benzinpreise oder auch Naturphänomene wie kürzlich die Aschenwolke treiben die Anfragen des Online-Dienstes in die Höhe. Gibt es dabei «Wiederholungstäter», also Leute, die diesen Service regelmässig nutzen? Reinicke: «Achtzig Prozent der Nutzer sind nicht das erste Mal dabei.» Die Bedienung des Portals ist sehr einfach – die gewünschte Fahrt kann ermittelt werden, ohne dass man sich anmeldet.
Es reicht, den Start- und Zielort sowie das gewünschte Datum einzutragen, und schon hat man das Ergebnis. Mit der Angabe von Umkreiskilometern und Toleranz-Tagen erhöht man die Chance, eine geeignete Fahrt zu finden. Der Service ist zwar nicht ganz kostenfrei, bietet dafür aber auch Extras wie erweiterte Suchdetails oder die Möglichkeit, sich mit dem Führerschein anzumelden, was mehr Transparenz ermöglicht.
Nach der ersten Suche im Internet ist es wichtig, mit dem potenziellen Fahrer persönlich in Kontakt zu treten: «Ein kurzer Anruf, um Route und Fahrpreis zu besprechen, ist sehr wichtig, denn so weiss man auch, mit wem man es zu tun hat», sagt Reinicke. Auch Punkte wie Abfahrtszeit und Gepäckvolumen könnten so im voraus geklärt werden.
Besseres Buchungssystem
Was ist an diesem Portal verbesserungswürdig? Reinicke erzählt, dass momentan in einer Pilotphase auf dem deutschen Pendant ein Buchungssystem eingeführt wird, wo man Fahrten direkt buchen kann und auch die Bezahlung an den Fahrer geregelt ist. Bei all den Vorteilen kann man die Nachteile nicht ganz aus der Welt schaffen, denn eine gewisse Unsicherheit ist bei den Fahrten stets dabei, vor allem, was Treffpunkte, die manchmal verpasst werden, oder Staus unterwegs anbelangt, vor denen man natürlich nicht gefeit ist.
Übergriffe bei Fahrten gab es bis anhin keine – und die Benutzerdaten weisen auf eine gewisse Sicherheit des Services hin, da 52% der Nutzer Frauen sind. «Ängstliche Frauen sollten sich das Autokennzeichen notieren und es einer Freundin mitteilen», rät Reinicke. Und zudem – sollte es mal wirklich brenzlig werden – könne das Handy gute Dienste leisten, denn heutzutage habe jede/r eines dabei.
Unterhaltsame Fahrt
Inzwischen ist Sandra nach einer äusserst unterhaltsamen Fahrt wohlbehalten am Zielort angekommen. Sie hat während der Reise gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vorbeiging, so war sie in die Gespräche mit ihrem Fahrer vertieft. Über Gott und die Welt haben sie gesprochen während der rund vierstündigen Fahrt und sich dabei gut verstanden.
Für Sandra ist der Fall klar: Sie wird diesen Service wieder mal beanspruchen, wenn sie auf einen Sprung ins Ausland möchte.
Sarah Coppola-Weber
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